Projekt

Kurz über das Projekt

Das interdisziplinäre und internationale Projekt untersuchte in den Jahren 2018-2019 die Rechnungsbücher (1566-1584) der Stettin-Danziger Kaufmannbankiersfamilie Loitz, die sich im Staatsarchiv Danzig (Gdańsk) befinden. Das Ziel des Projekts war es, diese größte vorhandene Sammlung der frühneuzeitlichen Rechnungsbücher in Danzig (16 Archivalien, 969 S.) zu digitalisieren, online zu publizieren und wissenschaftlich aus drei methodischen Perspektiven auszuwerten. Erstens: als Quelle für die Geschichte des Finanzwesens und Handels im südlichen Ostseeraum. Zweitens: als Datenquelle für die Computer unterstützte Rekonstruktion des sozialen Netzwerks der Loitz, unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkung dieses Netzwerks und der Geldstrategie der Loitz auf ihre Tätigkeit als Kunststifter und -vermittler. Drittens: die in den Quellen vorkommenden Waren, insbesondere Luxusgegenstände und Kunstwerke in Hinblick auf ihre Art, Herkunft, Bestimmung und ihrem Wert zu analysieren. Damit verfolgte das Projekt das Ziel, einen Beitrag zur Geschichte des Luxusgüterkonsums und zur Vorgeschichte des Kunstmarktes im Ostseeraum zu leisten und dabei die Rolle der Artefakte als Akteure in den sozialen Netzwerken zu untersuchen.

Stadtpalast der Familie Loitz in Stettin/Szczecin, fot. Grzegorz Solecki

Über die Bankiersfamilie Loitz

Erst ab Mitte des 15. Jh. in Stettin (Szczecin) nachweisbar, erreichte die Kaufmannsfamilie Loitz schnell einen hohen finanziellen und sozialen Status. Den Grundstein für das überregional wirkende Bank- und Handelsunternehmen legte Hans II. Loitz, der die zweite Firmenfiliale in Danzig (Gdańsk) (1528) und weitere Posten im Ausland gründete. Dazu kam eine strategisch kluge Heiratspolitik, die die Position des Geschlechts innerhalb der städtischen Eliten sicherte. Die handelsstrategisch günstige Lage der Firmenfilialen in Stettin, Danzig und Lüneburg (seit 1557), ergänzt durch ein Netzwerk von zahlreichen Faktoreien (Krakau, Posen, Breslau, Leipzig, Frankfurt/O., Prag, Lübeck, Hamburg, Antwerpen, Kopenhagen, Kalmar, Lyon), die engen Beziehungen zu herrschaftlichen Höfen und dem Adel sowie effektive politische und finanzielle Strategien, sicherten der Firma (in der folgenden Generation zusammen von den Brüdern Simon I., Michael II. und Hans III. geführt) eine Sonderstellung im finanziellen System Nord- und Ostmitteleuropas. Die Handelskontakte der Loitz reichten von Frankreich, über die Niederlande bis nach England, Dänemark, Schweden und Island sowie von Böhmen über Polen bis in die Walachei. Es war jedoch nicht nur der Warenverkehr, der ihnen eine führende Rolle in Wirtschaft und Politik gewährleistete, sondern die Handelsmonopole und Bergbauprivilegien, die sie sich durch Anleihen von Herrschern und dem Adel sicherten. Ein kompliziertes Netz von Wechselgeschäften verband die Loitz mit beinahe allen Herrscherhöfen und Adelshäusern der Großregion. In Brandenburg, Polen, Dänemark und Pommern waren die Loitz Hof- und Staatsbankiers. Vom polnischen König Sigismund II. August in den Adelstand erhoben, trafen sie mit den adeligen Familien in verwandtschaftliche Beziehungen und führten in ihren Stadt- und Landsitzen eine vornehme Hofhaltung. Die Geschichte des schnellen Aufstiegs sowie des Erwerbs eines riesigen Vermögens und weitreichenden politischen und ökonomischen Einflusses endete jedoch mit einem ebenso schnellen Untergang der Loitz. Ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren hat dazu beigetragen, dass die auf fremdem Kapital basierende finanzielle Pyramide 1572 zusammenstürzte. Der spektakuläre Bankrott des weitverzweigten Unternehmens wirkte sich fatal auf die wirtschaftliche Lage der ganzen Region aus und die daraus folgenden Prozesse schleppten sich über Jahrzehnte hinweg.

Epitaph von Michael Loitz in der Marienkirche in Danzig (Gdańsk), Mittelteil: Südliche Niederlande 1550-1560, Umrahmung: Danzig 1561-1564, Foto Aleksandra Lipińska